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Wenedikt Jerofejews Roman ‚Москва – Петушки‘ – besprochen im Unterricht bei Schkola

russisch-deutsch Übersetzungen

Венедикт Ерофеев „Москва-Петушки“

Auf dem Bahnhof landen…
Wenitschkas Reise nach Petuschki in zwei Übersetzungen

Все говорят: Кремль, Кремль. Ото всех я слышал про него, а сам ни разу не видел. Сколько раз уже (тысячу раз), напившись, или с похмелюги, проходил по Москве с севера на юг, с запада на восток, из конца в конец и как попало — и ни разу не видел Кремля.

„Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon (tausende Male) habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Geratewohl, von einem Ende zum andern, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“ (Spitz)

So der Anfang von Wenedikt Jerofejews Roman ‚Москва – Петушки‘, der in seiner literarischen Gedrängtheit, seinem Anspielungs- und Beziehungsreichtum, seiner philosophischen Tiefe und seinem Humor die sowjetische Literatur überstrahlt. Der Autor ist belesen und kokettiert damit, liebt Zitate, gleichermaßen bevorzugt Bibel und Prawda, greift auf Elemente des Absurden zurück, begeht schamlos Stilbrüche und verteilt überhaupt gern Ohrfeigen an den literarischen oder sonstwie etablierten Geschmack. Im Folgenden einige Anmerkungen zum Text und zu der Übersetzung von Natascha Spitz, in der der Roman bei uns bekannt und populär wurde, sowie zu der späteren Peter Urbans.
Der erste Satz ist bereits nicht nur komisch, auch in der obigen Übersetzung Spitz‘, er ist sogleich politisch und führt uns, mit mehr als einer Spur Verachtung und Geringschätzung, stante pede in eine Welt und Gedankenwelt weit weg von Machtzentralen und Vorzeige-Einkaufsstraßen. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Wort похмелюга lenken: похмелье ist der Kater, Urban hat hier auch verkatert, statt des brummenden Schädels bei Spitz. Aber похмелюга ist eine umgangssprachliche Wendung, die in offiziellen Wörter- büchern nicht auftaucht. Die Endung, auch bei anderen Wörtern möglich (зверюга, ворюга, auch in гадюка, змерюка) betont den Ausdruck, verstärkt, emotionalisiert ihn, beinahe liebevoll, um eine Verbindung zum Adressaten zu schaffen und verweist hier implizit eher auf einen vorangegangenen schweren Rausch als ein bloßes Angeschickertsein, deutet auf Affinität zu und Gewöhnung an Alkohol. Die Provokation im Angesicht des Kremls ist sichtbar, ihr sprachlicher Ausdruck unübersetzbar. Urbans ‚verkatert‘ scheint mir zu formal, standardmäßig und nüchtern.

А потом я попал в центр, потому что это у меня всегда так: когда я ищу Кремль, я неизменно попадаю на Курский вокзал. Мне ведь, собственно, и надо было идти на Курский вокзал, а не в центр, а я все-таки пошел в центр, чтобы на Кремль хоть раз посмотреть: все равно ведь, думаю, никакого Кремля я не увижу, а попаду прямо на Курский вокзал.

„Und dann ging ich ins Zentrum, weil es mir immer so geht: wenn ich nach dem Kreml suche, lande ich unweigerlich auf dem Kursker Bahnhof. Zum Kursker Bahnhof mußte ich ja eigentlich auch, und nicht ins Zentrum, trotzdem ging ich ins Zentrum, um wenigstens einmal den Kreml zu sehen: sowieso, denke ich, werde ich den Kreml nicht sehen, sondern direkt auf dem Kursker Bahnhof landen.“ 

So Urban, die gedrängte, atemlose Kürze des Originals lässt sich natürlich nicht erreichen. Jedenfalls kürzer als Spitz, die die Wiederholung von ’sehen‘ vermeiden wollte und nicht ganz treffend übersetzt, und sein ‚landen‘ für попасть ist im Prinzip auch gelungener als ihr ‚geraten‘. Allerdings muss man im Deutschen schon ein Helikopter sein, um auf einem Bahnhof landen zu können. Mir hingegen gefällt der Ausdruck никакого Кремля – wieder eine umgangssprachliche, emotionale Verstärkung, Verneinung – für Deutsch- sprachige schimmert allerdings unwillkürlich die Assoziation auf:  so doll kann der ja nich sein, wenn’s mehrere davon zu geben scheint.  Herr Urban überträgt hier erneut äußerst sachlich, während Frau Spitz immerhin umgangssprachlich formuliert: „...den Kreml kriege ich ohnehin nicht zu sehen...“. Überhaupt ist anzumerken, dass Wenitschka sich einer sehr gewöhnlichen, alltäglichen Sprache bedient, an dem Roman hatten deshalb  Leser aller sozialen Schichten und Bildungsgrade ihren Spaß. А потом я попал в центр – jede und jeder Deutschsprachige nimmt hier das Perfekt, hier sogar völlig zu Recht, während beide Übersetzer Präteritum wählten, das bei uns in mündlicher Rede quasi nichtexistent ist.

Обидно мне теперь почти до слез. Не потому, конечно, обидно, что к Курскому вокзалу я так вчера и не вышел. (это чепуха: не вышел вчера — выйду сегодня). И уж, конечно, не потому, что проснулся утром в чьем-то неведомом подъезде (оказывается, сел я вчера на ступеньку в подъезде, по счету снизу сороковую, прижал к сердцу чемоданчик — и так и уснул). Нет, не потому мне обидно. Обидно вот почему: я только что подсчитал, что с улицы Чехова и до этого подъезда я выпил еще на шесть рублей — а что и где я пил? И в какой последовательности? Во благо ли себе я пил или во зло? Никто этого не знает, и никогда теперь не узнает. Не знаем же мы вот до сих пор: царь Борис убил царевича Димитрия или же наоборот?

„Ich könnte jetzt weinen, so ärgerlich ist es. Nicht deshalb natürlich, weil ich gestern zu guter Letzt doch nicht am Kursker Bahnhof herausgekommen bin (Quatsch, bin ich gestern nicht hingekommen, komme ich heute hin). Und natürlich schon gar nicht deshalb, weil ich morgens in irgendeinem mysteriösen Treppenhaus aufgewacht bin. (Wie sich herausstellte, habe ich mich gestern in diesem Treppenhaus auf eine Stufe gesetzt, die vierzigste von unten, mein Köfferchen ans Herz gedrückt und bin schließlich so eingeschlafen.) Nein, nicht deshalb ist es ärgerlich. Ärgerlich ist es deshalb: Ich habe eben nachgerechnet, daß ich von der Tschechowstraße bis zu diesem Treppenhaus für weitere sechs Rubel gesoffen habe, aber was und wo habe ich gesoffen? Und in welcher Reihenfolge? War es zu meinem Wohl oder Übel? Das weiß niemand, und jetzt wird es auch niemand mehr erfahren. Wissen wir doch bis heute nicht: hat der Zar Boris den Zarewitsch Dimitrij ermordet oder umgekehrt? (N.Spitz)

Ja, dies wohl ein einmaliger Fall in Historie und Kriminalgeschichte, mehr dazu bei ‚Boris Godunow‘. 40 ist eine biblische Zahl (vierzig Tage Sintflut uvm.), mit seinem Köfferchen am Herzen, so Jerofejew, sei er selbst in der Tram eingeschlafen und musste nach dem Erwachen bemerken, dass es geklaut worden war – es enthielt eine Flasche Wodka und das Manuskript seines zweiten Romanes, welches er dann nicht mehr rekonstruierte. Dies eine tadellose Übertragung, nicht immer ganz wortgenau, aber rhythmisch.

Es kränkt mich heute beinahe bis zu Tränen. Kränkend ist natürlich nicht, daß ich gestern nicht auf dem Kursker Bahnhof gelandet bin. (Das ist Unsinn: wenn ich gestern nicht hingekommen bin, so komme ich es heute.) Und natürlich nicht, weil ich heute in einem wildfremden Treppenhaus erwacht bin (wie sich herausstellt, hatte ich mich gestern in dem Treppenhaus auf eine Stufe gesetzt, der Zählung nach die vierzigste von unten, mein Köfferchen ans Herz gedrückt – und war so eingeschlafen). Nein, nicht das kränkt mich. Was mich kränkt, ist: ich habe soeben errechnet, daß ich von der Čechov-Straße bis in dieses Treppenhaus noch für sechs Rubel getrunken haben muß – aber was und wo ich getrunken habe? und in welcher Reihenfolge? habe ich zu meinem Wohl getrunken oder zu meinem Wehe? Niemand weiß es, und niemand wird es je erfahren. Wir wissen ja auch bis heute nicht: hat Zar Boris den Thronfolger Dimitrij ermordet oder umgekehrt? (Urban)

Во благо ли себе я пил или во зло? Eine geradezu lutherbibelhafte Formulierung. Schwierig. Übel gefällt mir besser als Wehe. Geschmackssache? Urban ist in Details dichter am Original, aber, wie ich finde, zu sachlich und arhythmisch, es klingt nicht, die Sätze sind schwierig zu betonen. Mal abgesehen von der Unsitte, Schriftzeichen zu benutzen, von denen außer Slawisten niemand weiß, wie sie ausgesprochen werden – so spricht man nicht im Deutschen: der Zählung nach, errechnet, es kränkt mich: das würde nie jemand sagen, auch „wie sich herausstellte“ hab ich mein Lebtag ohne Zusätze wie jetzt/heute etc. nie im Präsens gehört.

Interessant das Treppenhaus: неведомый подъезд sagt Jerofejew. Natürlich heißt неведомый auch unbekannt: «Певец неведомый, но милый» Лермонтов. In seinem Wortstamm ведать, heute leiten, verwalten, steckt der alte Begriff von Wissen, wissen um Dinge, die nicht jede wissen kann, Ведьма = Hexe: «С дерева неведомого плод, беспечные, беспечно мы вкушаем.» Некрасов. Es bedeutet auch таинственный, чудесный, непонятный – geheimnisvoll, wunder-sam/märchenhaft, unbegreiflich, ein Wort, das in alten russischen Märchen benutzt wird. Dem wildfremden Treppenhaus ist das mysteriöse vorzuziehen, eine wortgenaue Übersetzung muss nicht die richtigere oder bessere sein.

Der eigentlich korrekte Ausdruck für dieses Treppenhaus wäre allerdings парадное, ugs. парадная. Der Abstand zwischen einer ‚korrekten‘ Sprache, die von Gebildeten benutzt wird, zur Umgangssprache einfacher Menschen scheint im Russischen, wie in anderen Sprachen, größer zu sein als im Deutschen, подъезд ist schon sehr, sehr umgangssprachlich, obwohl von den meisten verwendet. Jerofejew erzeugt durch die Koppelung der Wörter неведомый  und подъезд, die auf völlig unterschiedlichen Sprachebenen zu Hause sind, einen sprachlichen Kontrast und einen komischen Effekt, ein Stilmittel, das später auch Sorokin häufig einsetzt.

Что это за подъезд? Я до сих пор не имею понятия; но так и надо. Все так. Все на свете должно происходить медленно и неправильно, чтобы не сумел загородиться человек, чтобы человек был грустен и растерян.

Was war das für ein Treppenhaus? Ich habe immer noch keine Ahnung. Aber so muß es eben sein. Alles ist so. Alles auf der Welt muß langsam und verkehrt laufen, damit der Mensch nicht hochmütig werde, damit der Mensch traurig und verwirrt sei. (Spitz)

Ничего, ничего, — сказал я сам себе… А вон — этот пидор в коричневой куртке скребет тротуар.

Macht nichts, macht nichts – sagte ich mir… Dort der Hosenscheißer in der braunen Joppe, der auf dem Trottoir herumkratzt. (Spitz)

Schon gut, schon gut – sagte ich zu mir. Der Schwule in dem braunen Jackett, der das Trottoir fegt. (Urban)

Куртка ist eher Jacke als Jackett, herumkratzen auch bildhafter als fegen. Aber eine umgangssprachlich äußerst grobe Beleidigung würde ich nicht, wie Urban, mit ‚Schwuler‘ übersetzen. Der пидорас (von Päderast) ist ein Schwuler, пидор eher Tunte oder Schwuchtel, aber in diesem Zusammenhang ist das m.E. eine Beschimpfung angesichts der empörenden Tatsache, dass bestimmte Personen, nachdem man selbst die Nacht geradeso überlebt hat und kaum stehen kann, sich um diese Uhrzeit schon munter und  бодрый an eine Arbeit machen, die im Übrigen völlig sinnlos ist, wie Spitz mit dem Wort „herumkratzen“ ausdrückt.

Пидорас/пидор ist eines der im Russischen am weitest verbreiteten und genutzten Schimpfwörter, vergleichbar unserem Arschloch, man sagt sogar: Он п. в хорошем смысле слова – nur im schlechten Wortsinne wäre das dann also ein Schwuler. Allerdings: Один раз – не пидорас.

Иди, Веничка, иди. И куда-нибудь, да иди. Все равно, куда. Если даже ты пойдешь налево — попадешь на Курский вокзал, если прямо — все равно на Курский вокзал, если направо — все равно на Курский вокзал. Поэтому иди направо, чтобы уж наверняка туда попасть.

Geh, Wenitschka, geh. Und geh irgendwohin. Ganz gleich wohin. Selbst wenn du nach links gehst, kommst du zum Kursker Bahnhof, und wenn geradeaus, dann kommst du auch zum Kursker Bahnhof, und wenn nach rechts, dann auch zum Kursker Bahnhof. Darum geh nach rechts, um ganz gewiß hinzukommen.
So wollen wir es denn auch halten.

Скажет мне господь еще что-нибудь или не скажет?
Господь молчал.

Wird mir der HERR noch etwas sagen oder nicht?
Der HERR schwieg.

(Der Beitrag erschien zuerst auf code-ycnexa.de und verdankt sich einer Diskussion unseres Russisch-Kurses in der Schkola. Dankeschön an Frau Doktor und alle Teilnehmerinnen sowie an Tatiana Gritsenko für Durchsicht und Anmerkungen – jörg alpers.)

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